Fortsetzung »Historie«

Ganz überwiegend waren es einfache Handwerker und keine gebildeten Theologen, die in die Welt hinaus gesandt wurden. Der vorherige Besuch einer speziellen Missionsschule bürgerte sich erst später ein. Die Handwerksarbeit sollte den Missionaren vor Ort wirtschaftliche Unabhängigkeit verleihen und ihnen darüber hinaus einen leichteren Zugang zu den Heiden eröffnen. An den Südafrika-Missionar Georg Schmidt schrieb Zinzendorf 1736: »Lass dich allenthalben zur leiblichen Arbeit brauchen, bis du dadurch Liebe und Eingang in die Herzen kriegst« [10].

Den Missionaren lag nicht nur das Heil, sondern auch das Wohl der ihnen anvertrauten Heiden am Herzen. Sie behandelten Sklaven und Indigene, anders als in ihrer Umgebung üblich, als vollwertige Menschen und sie bemühten sich, deren Not zu lindern. Mehrfach gab es Aktionen zum Freikauf von Sklaven. Durch die Integration von Einheimischen in die christliche Gemeinde, insbesondere durch schulische und berufliche Unterweisung und durch die Übertragung von Ämtern, leisteten die Missionare viel zu deren Aufwertung und schließlichen Befreiung.

Von Anfang an war die traditionelle missionarische Ansprache mit Entwicklungshilfe sowie mit medizinischer Fürsorge gekoppelt. Die Anrede »Bruder« und »Schwester« wurde mit großer Selbstverständlichkeit auch gegenüber Menschen mit schwarzer, brauner, roter und gelber Hautfarbe gebraucht. Berühmt geworden ist der Handkuss, mit dem der Graf Zinzendorf 1738 auf seiner ersten Amerika-Reise die soeben aus der Haft entlassene Mulattin Rebecca begrüßte, um damit deutlich zu machen, »wie teuer und wert ihm diese Leute wären« [11], eine unerhörte Begebenheit für das Zeitalter des Barock.

Weil Graf Zinzendorf der Überzeugung war, dass »des Heilands sein Predigtstuhl, sein Lehrstuhl, so weit und so groß als die ganze Welt ist« [12], breitete sich die Mission der Brüdergemeine binnen weniger Jahre trotz immenser personeller und finanzieller Opfer [13] mit großer Geschwindigkeit über alle Kontinente aus. Oftmals betraten die Missionare dabei Boden, den vor ihnen noch kein Europäer betreten hatte. Gefahrvolle Reisen und klimatische Hürden konnten sie dabei nicht abschreckten: Sie gründeten Stationen im tropische Urwald von Westindien, an den breiten Flüssen im Norden von Südamerika und am wilden Golf von Bengalen. Sie bauten Versammlungsstätten nahe des ewigen Eises von Grönland, an den unwegsamen Küsten von Labrador und in den fernen Weiten von Alaska. Sie trotzten der vermeintlichen Widlheit der nordamerikanischen Indianer, der südafrikanischen »Hottentotten« [14] und der mongolischen Kalmücken an der unteren Wolga.

Längst nicht immer gelang es ihnen, alsbald Taufen zu vollziehen oder gar Gemeinden zu gründen. Aber sie legten überall mutig Zeugnis ab von der Liebe Gottes und sie gaben dieser Liebe sichtbare Gestalt, die Gemeinden zu Hause stets an ihrer Arbeit teilhaben lassend.

Von manchen Missionaren wird in ihren ehemaligen Wirkungsgebieten noch heute geredet, weil sie als Christen oder auch als Wissenschaftler, vor allem aber als Menschen, tiefe Spuren im Gedächtnis der Völker hinterließen: von Leonhard Dober und David Nitschmann auf der Insel St. Thomas, von Matthäus Stach und Samuel Kleinschmidt in Grönland, von Georg Piesch und Georg Berwig in Suriname, von David Zeisberger und Heinrich Rauch in Pennsylvanien, von Georg Schmidt und Christian Kühnel in Südafrika, von Conrad Neitz und Christian Hamel in Sarepta (heute Wolgograd), von Eugen Lundberg und August Martin in Nikaragua, von Eduard Pagell und Wilhelm Heyde in Tibet, von Theodor Meyer und Traugott Bachmann in Tanzania.

Doch Hunderte andere Männer – und fast ebenso viele bewundernswerte Frauen – taten in gleicher Treue zumeist jahrzehntelang ihren Dienst, nicht selten auf zwei oder drei Erdteilen, und erstatteten zwischendurch in der Heimat Bericht.

Die Brüdergemeine ist zu allen Zeiten durch das, was in der Mission geschah, nachhaltig befruchtet worden. Sie kam deshalb nie in die Versuchung, Mission als »Einbahnstraße« zu sehen. Es erstaunt, mit welch visionärer Kühnheit bereits Zinzendorf wusste, dass die abendländische Christenheit eines Tages angesichts ihrer Säkularisierung der geistlichen Erneuerung aus der Dritten Welt bedürfen würde: »Vielleicht, wenn alle die Lande, darinnen jetzt die Christen wohnen, ganz wieder zu Heidentum geworden sind, alsdann wird die Stunde von Afrika, Asien und Amerika kommen, in die Nationen hinein« [15].

Text: Andreas Tasche

Eine kurze, allgemeine Missionsgeschichte finden Sie hier.

Zurück zum Seitenanfang

Quellen und Anmerkungen

[1] Schreiben von Martin Dober an die Gemeine in Herrnhut am 16. Juni 1731 (UA, R.15.B.a.1.1.2.a)

[2] Begegnungen mit dem Indienmissionar Bartholomäus Ziegenbalg in Großhennersdorf und in Halle (Saale)

[3] Bis zu Zinzendorfs Tod wurden 226 Missionare ausgesandt (E. Beyreuther, Geschichte des Pietismus, S 196). Mittlerweile beträgt ihre Zahl mehr als 3.500 (Die Evangelische Brüder-Unität, S.22).

[4] Zinzendorf, Jüngerhaus-Diarium vom 29. Juli 1750

[5] Zinzendorf 1744 (UA R.2.A.12.1)

[6] Zinzendorf 1747 (UA R.2.A.23a.1)

[7] Zinzendorf, Zeister Reden, 1746-47, Bd. 3, S. 187f

[8] Zinzendorf, Methodus der Wilden Bekehrung, 1742/43

[9] Zinzendorf, 21 Discurse über die Augsburgische Konfession, 1748

[10] Zinzendorf, Kurze Instruction für meinen Br. Schmidt nach Cabo, 1736

[11] Spangenberg, Leben des Grafen Zinzendorf, S. 1164

[12] Zinzendorf, Pennsylvanische Reden I, S. 92 

[13] Bis 1782 kamen allein auf den dänischen Jungferninseln 127 Missionare inkl. Kinder ums Leben. 

[14] Diskriminierende Fremdbezeichnung der Europäer für die »Khoi-Khoi« 

[15] Zinzendorf, Zeister Reden, 1746-47, Bd. 3, S. 189