Die Herrnhuter Mission - ein kurzer geschichtlicher Abriss

Durch die Herrnhuter Mission entstand aus der kleinen Gemeinde Herrnhut (in Sachsen) eine Kirche mit rund 1.650 Gemeinden in über 40 Ländern - die weltweite Brüder-Unität. 1732, zehn Jahre nach seiner Gründung, hatte Herrnhut knapp 400 Einwohner. Heute zählt die weltweite Brüder-Unität etwa 1,2 Millionen Mitglieder (Unitätsstatistik von 2016 hier; Schaubild hier).

Nach unserer Erkenntnis ist Mission keine Angelegenheit von Spezialistinnen und Spezialisten, sondern Aufgabe eines jeden Christen und einer jeden Christin. Wir sind dankbar, dass diese Erkenntnis in unserer Kirche früher als in anderen Kirchen praktisch umgesetzt wurde. Kirche und Mission gehören bei uns seit jeher untrennbar zusammen.

Die Herrnhuter Brüdergemeine gilt als die erste Kirche, in der von Anfang an nicht nur einzelne Personen, sondern ganze Gemeinden für die Mission brannten. Ihre Mission geschah zu allen Zeiten ohne imperiale Hintergedanken. Sie kannte nur ein Ziel, »dass die Heiden viel von unserem Heiland erfahren«. Als Antriebsfeder für die Mission reichte das Wissen, »dass es noch Seelen gibt, die nicht glauben können, weil sie nichts (von Jesus) gehört haben«. [1]

Obwohl der Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf (1700-1760) schon in jungen Jahren mit der äußeren Mission in Berührung gekommen war [2], kam es in Herrnhut erst am 21. August 1732 zur Aussendung der beiden Missionare Leonhard Dober (1706-1766, ein Töpfer aus Franken) und David Nitschmann (1696-1772, ein Zimmermann aus Mähren).

Auslöser für diese Aussendung war eine eindrückliche Begegnung, die mehrere junge Männer nicht mehr losließ. Ein so genannter »Kammermohr« namens Anton, ein schwarzhäutiger Diener am dänischen Königshof, der als Kind von Westafrika nach Mittelamerika verkauft worden war, hatte bei einem Gemeindeabend in Herrnhut von der geistlichen und sozialen Not der Sklaven auf den Zuckerrohrinseln in der Karibik berichtet.

Fast mittellos und nur auf ihrer Hände Arbeit angewiesen, machten sich in den Folgejahren Hunderte Sendboten [3] auf den weiten und gefahrvollen Weg über alle Weltmeere und in alle Klimazonen. Gezielt wirkten sie dort, wo sonst noch niemand missioniert hatte. Gezielt suchten sie Sklaven, Indigene ("Eingeborene") und andere besonders benachteiligte Bevölkerungsgruppen auf. Niemals strebten sie Massenbekehrungen an. Immer galt ihre Aufmerksamkeit dem Einzelnen. Graf Zinzendorf warnte ausdrücklich davor, »ganze Nationen zu bekehren, aber nicht viel Jünger zu machen« [4]. Er lehrte: »Der unbekehrten Heiden (oberflächliche) Christianisierung ist ein Werk des Teufels und sie werden danach unglücklicher und unseliger« [5].

David Zeisberger predigt den Indianern im Quellgebiet des Ohio, monumentales Gemälde von Christian Schüssele, entstanden 1859.

David Zeisberger (1721-1808) predigt den Indianern im Quellgebiet des Ohio, monumentales Gemälde von Christian Schüssele, entstanden 1859

Zinzendorf und in seiner Nachfolge den Missionaren der Herrnhuter Brüdergemeine ging es nicht um die systematische Gründung von Gemeinden oder gar Kirchen, sondern um die Gewinnung von »Erstlingen«, das heißt, um die Seelsorge an einzelnen engagierten Christen, die sich dann ihrerseits der Mission widmen konnten: »Wir suchen Erstlinge aus den Nationen, und wenn wir deren zwei bis vier haben, so überlassen wir sie dem Heiland, was er durch sie tun will« [6].

Mission soll vor allem in die Tiefe gehen und nicht in die Weite. Sie soll gute Früchte tragen und nicht rasche Erfolge zeitigen. Zinzendorfs Missionstheologie trägt ausgesprochen moderne, ja ökumenische Züge. Welcher Konfession die bekehrten »Heiden« sich später anschlossen, war ihm letztlich egal. Er wusste Gott in allen Konfessionen am Werke. Wiederholt und scharf sprach er sich gegen Proselytenmacherei aus. »Wir sollen uns nicht mit Kirchenmachen übereilen unter den Heiden, mit Gemeinen stiften, sondern wir sollen des Heilands (seelsorgerliche) Methoden observieren« [7].

Die Herrnhuter Brüdergemeine ist daher, trotz ihrer missionarischen Wirksamkeit, auf allen Kontinenten zahlenmäßig relativ klein und, von Ausnahmen abgesehen, unbedeutend geblieben. Keineswegs sah die Brüdergemeine in den verschiedenen Missionsgebieten Landstriche, die zuvor ausschließlich zum Reich der Finsternis gehört hätten.

Die Boten wussten, dass Gott schon lange vor ihnen an den »Heidenseelen« gearbeitet hatte, dass sie also immer nur Zweite waren. Den eigentlichen Missionar erkannten sie in Christus und in Christi Geist: »Der Wilden Herz muss erst präpariert werden. Es muss schon etwas vom Herrn auf sie gefallen sein, dass sie sagen: hier sind wir« [8]. Unentwegt ist der Geist Gottes dabei, das Erlösungswerk voranzutreiben: »Er hat die ganze Erde zu seinem Bette gemacht ... und geschwebt über der Welt wie zur Zeit der Schöpfung. Bald sind in dem Lande, bald in einem anderen, bald hüben, bald drüben, Zeiten und Stunden gewesen, da der Heilige Geist auf besondere Art auf die Menschen gewirkt hat« [9].

Es lag den Missionaren daher fern, die Kultur der Indigenen gering zu schätzen. Im Gegenteil, sie taten viel für die Pflege und Bewahrung fremder Sprachen und Gebräuche. Oft waren sie die Ersten, die die Bibel oder einzelne biblischen Schriften in die Sprachen der Indigenen übersetzten. Selbstversändlich wurde in der Sprache der Indigenen gepredigt und Seelsorge geübt. In der Regel passten die Missionare sich auch persönlich der Lebensweise der Indigenen an oder übernahmen diese sogar. Es gibt zahlreiche Zeugnisse dafür, dass die Missionare die vermeintlich überlegene Kultur des christlichen Abendlandes ausgesprochen kritisch sahen. Mehrfach machten von Europa ausgehende kriegerische Auseinandersetzungen das Werk der Mission wieder zunichte.

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