Wachstum und Sklavenbefreiung

Die Missionare traten stets für eine menschliche Behandlung der Sklaven ein und beförderten vielerorts Schritte zur Eindämmung der Sklaverei. Vor allem kümmerten sie sich um eine systematische Schul- und Sonntagschularbeit unter den Sklaven. In den 1820er Jahren erlangte die Herrnhuter Mission das Wohlwollen zunächst der Kolonialregierung, dann auch vieler Plantagenbesitzer. Zwecks Anlage von Missionsstationen erwarb man auch selbst Grundbesitz - und bisweilen auch Sklaven. Auf 190 Plantagen öffneten sich die Sklaven dem Evangelium und ließen sich taufen. Als es am 1. Juli 1863 endlich auch in Surinam zur Sklavenbefreiung kam, waren 80 Prozent der 33.621 Freigelassenen entweder getaufte Mitglieder der Brüdergemeine oder Taufkandidaten. Die Tage der Befreiung wurden nicht zu Tagen der Rache, sondern des Lobgesangs.

Nach ihrer Befreiung zogen Tausende ehemalige Sklaven in der Hoffnung auf ein besseres Leben von den Plantagen nach Paramaribo, was zu einem großen Stadt- und Gemeindewachstum führte. Neue kirchliche Strukturen entstanden und neue ökonomisch-soziale Herausforderungen kündigten sich an. Die Missionsarbeit im Binnenland unter den »Buschnegern« ging unterdessen weiter.
Anwerbung von Vertragsarbeitern aus aller Welt.

Infolge der Sklavenbefreiung und der Anlage von immer mehr Plantagen drohte in Surinam ein Arbeitskräftemangel. Die Regierung warb deshalb Kontraktarbeiter an, die meisten aus Britisch Indien, Niederländisch Indien und dem Kaiserreich China, was Surinam zu einem globalen Dorf machte. Bald lebten und arbeiteten hier zehntausende Menschen vor allem aus China, Indien und Indonesien (Java), aus Syrien, dem Libanon, Brasilien und Portugal. Die Anwerbung der Kontraktarbeiter geschah in der Regel unter entwürdigenden Bedingungen bzw. auch unter Rechtsbruch. Mangels Alternativen und mangels finanzieller Mittel für die Rückreise blieben die meisten Kontraktarbeiter nach Ende ihrer fünfjährigen Pflichtzeit im Lande. Ihre Integration in die bis dahin zahlenmäßig von Kreolen (ehemalige schwarze Sklaven) dominierte surinamische Gesellschaft wurde zu einer Hauptaufgabe der Kolonialregierung und auch der Herrnhuter Mission. Die Kontraktarbeiter, in der Summe zahlreicher als die Kreolen, bekannten sich zum Konfuzianismus, zum Taoismus, zum Hinduismus und zum Islam.

Aus Mission wird Kirche

Weil die Missionare der Brüdergemeine für die Auseinandersetzung mit anderen Religionen nicht gerüstet waren, dauerte es bis ins 20. Jahrhundert, ehe eine gezielte Arbeit unter den neuen Volksgruppen begann und erste hindustanische, javanische und chinesische Gemeinden entstanden. Obwohl die Verantwortung für diese neue Arbeit formal noch in Europa lag, wurde sie mehr und mehr zum Anliegen der lokalen kreolischen Gemeinden. Die ursprüngliche Missionsarbeit unter den Kreolen und Maroons hatte nach 1900 begonnen, kirchliche Strukturen anzunehmen. Die deutsche Generalsynode von 1908 sprach erstmals von Surinam als einer »selbständigen Missionskirche«, von der erwartet werde, dass sie sich eigenständig finanziert. Die neue Kirchenverfassung von 1918 trug schon den Titel »Kirchenordnung der Evangelischen Brüdergemeine in Surinam«. 1928 wirkte der erste Einheimische in der leitenden »Provinzialkonferenz« mit.

Winti

Immer wieder hatten es die Missionare mit »Winti« (Wind) zu tun. Winti ist eine stark afrikanisch geprägte Religion. Ihr hingen vor allem die aus Afrika importierten Plantagensklaven sowie die im Urwald lebenden Maroons an. Auch heute noch wird Winti, obwohl bis 1975 gesetzlich verboten, in Surinam vielfach praktiziert. Bei Winti handelt es sich um den Glauben an übernatürliche Wesen, die Besitz von einem ergreifen und Wissen über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft vermitteln können. Viele Winti-Bräuche haben mit Ahnenverehrung und Magie zu tun. Nach wie vor wird in Surinam darüber gestritten, ob und inwieweit manche Winti-Bräuche mit dem christlichen Glauben vereinbar sind.

Surinam und die Niederlande

Nachdem Surinam in seiner Geschichte zweimal kurzzeitig zu England gehört hatte, war es als »Niederländisch Guyana« bis zur Unabhängigkeit am 25. November 1975 ein Teil des Kolonialreiches der Niederlande. Surinam gilt als das einzige Land auf der Erde, dessen Bevölkerung fast zur Hälfte in einem anderen Land, nämlich im ehemaligen »Mutterland«, den Niederlanden, lebt (geschätzt 450.000 zu 340.000). Die größten Auswanderungswellen gab es kurz vor der staatlichen Unabhängigkeit, dann 1980 im Zusammenhang mit dem Militärputsch und einer Änderung der Visumsbestimmungen und schließlich nach den so genannten »Dezembermorden« von 1982 sowie während des Bürgerkrieges in den Jahren 1986 bis 1992. Die Einwanderung zehntausender Mitglieder der Brüdergemeine in die Niederlande hat die dortige Brüdergemeine sowie die gesamte kontinentaleuropäische Brüdergemeine grundlegend geprägt und verändert.

Brüdergemeine heute

Die Brüdergemeine in Surinam ist nicht nur die größte protestantische Kirche, sondern auch eine der wichtigsten gesellschaftlichen Kräfte im Lande. Die meisten Gemeinden gibt es in der Hauptstadt Paramaribo und an der Küste, wo mehr als 90% der Einwohner leben. Noch prägender für den Alltag der Menschen ist die Brüdergemeine freilich in den Siedlungen entlang der großen Urwaldströme, die zumeist nur per Boot zu erreichen sind. Hier gibt es überall Kirchen und Pfarrhäuser; hier gibt es Vorschulen und Schulen; hier gibt es einige Berufsbildungszentren und viele Krankenstationen; hier ist die Brüdergemeine in die Kommunalpolitik eingebunden.

Mitgerechnet die Schulen in den Städten betreibt die Brüdergemeine in Surinam 73 Schulen, an denen etwa 16.000 Schülerinnen und Schüler lernen. Auch einige Kinderheime und ein Altenheim befinden sich in Trägerschaft der Brüdergemeine. In Paramaribo trägt die Brüdergemeine Mitverantwortung für ein Krankenhaus.

In Paramaribo stellt die hölzerne »Große Stadtkirche« mit 1.100 Plätzen so etwas wie das Zentrum der Brüdergemeine, die »Mama Kerki«, dar. Hier befinden sich auch das Theologische Seminar und die »Stadtmission« der Brüdergemeine, mit der mannigfaltige soziale Verantwortung wahrgenommen wird.

In Paramaribo und auch an einigen anderen Orten ist die Brüdergemeine wirtschaftlich aktiv. Landesweit zu den größten Unternehmen gehört die bereits 1768 gegründete frühere Missionsfirma »C. Kersten & Co.«, heute eine im In- und Ausland tätige Holding für ganz unterschiedliche ökonomische Aktivitäten mit über 550 Vollzeitstellen, darunter der berühmte »CKC Supermarkt« im Zentrum von Paramaribo.

Surinam - Land und Leute

Surinam grenzt im Norden an den Atlantischen Ozean und im Süden an Brasilien. Es ist mit einer Fläche von 164.000 m2 (doppelt so groß wie Bayern) das kleinste unabhängige Land Südamerikas. Hinter einer maximal 80 km breiten sumpfigen Küstenebene steigt das Land stufenförmig bis zu einer Höhe von 1.280 Metern empor. Das Klima ist tropisch; die Luft ist extrem feucht. Von Anfang Dezember bis Anfang Februar dauert die Kleine, von Ende April bis Mitte August die Große Regenzeit. Die Durchschnittstemperatur schwankt zwischen 24 und 36 Grad Celsius.

Die Flüsse Suriname, Saramacca und Coppename sowie die Grenzflüsse Corantijn und Marowijne teilen das Land nicht nur, sie sind auch die wichtigsten Verkehrswege in das Landesinnere. Etwa 80% der Fläche sind mit nahezu undurchdringlichem tropischem Regenwald bedeckt und extrem dünn besiedelt. Flora und Fauna besitzen eine kaum zu übertreffende Vielfalt an Formen, Farben und Düften.

Surinam ist eine parlamentarische Demokratie mit nur einer Kammer, der Nationalversammlung. An der Spitze steht ein Staatspräsident mit zahlreichen Vollmachten. Neben der Amtssprache Niederländisch ist vor allem die Kreolensprache Sranan Tongo (= Surinaams oder auch »Negerenglisch«) als Verkehrssprache weit verbreitet. Sie besteht aus einem Gemisch aus englischen, portugiesischen, niederländischen und afrikanischen Elementen. Mit ihrem 1781 erschienenen »Singi Buku« und ihrer Bibelübersetzung hat die Brüdergemeine für das Sranan Tongo sprachbildend gewirkt.

Von den etwa 450.000 Einwohnern Surinams lebt knapp die Hälfte in der Hauptstadt Paramaribo. Die ethnische Zusammensetzung der Bevölkerung ist vielfältig: 32% mit afrikanischen Wurzeln (Kreolen und Maroons); 27% mit indischen Wurzeln; 15% mit javanischen Wurzeln; dazu Menschen chinesischer, arabischer und europäischer Abstammung sowie wenige Indigene (1,8%). Zu etwa 40 % bekennen sich die Einwohner zum Christentum; etwa 20% sind Hindus und etwa 15% sind Moslems. Etwa 6% bezeichnen sich als Anhänger traditioneller Religionen. Schulpflicht besteht bis zum Alter von zwölf Jahren. Die durchschnittliche Lebenserwartung beträgt 66 Jahre bei Männern und 73 Jahre bei Frauen.

In der Wirtschaft dominieren kleine Firmen, Agrar- und Fischereibetriebe sowie der Tourismus. Die Bodenschätze des Landes, vor allem Bauxit, Öl, Gold und Tropenhölzer, werden von in- und ausländischen Konzernen ausgebeutet und überwiegend exportiert. In vielen europäischen Spitzenclubs waren und sind aus Surinam stammende Fußballerspieler aktiv. Hinsichtlich des jährlichen Brutto-Inlandsprodukts liegt Surinam mit 5.500 Euro pro Kopf weltweit an 75. Stelle (zum Vergleich: Deutschland 34.000 Euro).

Weiterführende Informationen

Für die Pflege der Beziehungen mit der Unitätsprovinz Surinam ist in der europäischen Brüdergemeine federführend die Zeister Missionsgesellschaft (ZZg), die niederländische Schwesterorganisation der Herrnhuter Missionshilfe, zuständig. Auf der Website der ZZg gibt es eine Fülle von Informationen zu Progarmmen und Projekten in Surinam in niederländischer Sprache.

Film der »Deutschen Welle« über die Arbeit der Herrnhuter in Surinam, gedreht aus Anlass des Weltgebetstages 2018 von Uwe Dieckhoff - hier (26 Min.)

Broschüre zur Brüdergemeine in Surinam hier
Zum Erziehungswerk der Brüdergemeine in Surinam (niederländisch) hier
Zum Schul-Partnerschafts-Programm »Zwillingskinder« (niederländisch) hier
Kurzfilm über das Kinderheim »Sukh Dhaam« in Alkmaar (niederländisch) hier
Kurzfilm über das Internat »Soender Singh« in Paramaribo (niederländisch) hier
Kurzfilm über die Arbeit im Binnenland von Surinam (niederländisch) hier
Kurzfilm zum Kennenlernen des Landes Surinam (niederländisch) hier
Präsentation mit historischen Fotos aus Surinam hier