Die Zeit der Apartheid

Bedingt durch die Kolonialpolitik entstand in Südafrika eine so genannte »Regenbogennation«. Die 50 Millionen Südafrikaner haben zu 79 % eine schwarze Hautfarbe. Je 9% gehören zu den Weißen und den Farbigen; etwa 3% sind asiatischer Abstammung. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts begann in Südafrika - zum Vorteil der Weißen - eine Politik der Rassentrennung, »Apartheid« genannt, die nach 1948 immer mehr verschärft wurde und die Menschenwürde mit Füßen trat. Als eine Kirche, zu der fast ausschließlich Schwarze und Farbige gehören, hat die »Moravian Church in South Africa« unter der Apartheid schwer gelitten. Unter anderem kam es durch Zwangsumsiedlungen zur Auflösung von sechs Gemeinden und zur Verlegung des Theologischen Seminars von Port Elisabeth nach Kapstadt. Viele Mitglieder der Brüdergemeine beteiligten sich aktiv am Widerstand, etliche gingen in den Untergrund, manche wurden inhaftiert, manche emigrierten in Ausland.Während der Apartheid war es für die Brüdergemeine in Südafrika sehr wichtig, Solidarität und praktische Hilfe aus Deutschland und der weltweiten Brüder-Unität zu erfahren. Dazu gehörte der Dienst einzelner Geschwister aus Deutschland. Nicht zuletzt durch kirchliche Partnerschaften wurde das herrschende Unrecht immer wieder öffentlich angeprangert, was dazu beitrug, dass 1994 endlich die Apartheidgesetze abgeschafft wurden und die Zeit der Rassentrennung ein Ende fand. Freilich sind die menschlichen Verletzungen sowie wirtschaftlich-sozialen Folgen der Apartheid noch lange nicht überwunden. Die fortdauernde Armut weiter Bevölkerungsteile bewirkt Armut auch in der Brüdergemeine, vor allem im Ostkap.

Eine Kirche - viele Verbände

Innerhalb der Brüdergemeine in Südafrika gibt es starke, gesamtkirchliche Ver-
bände. In einem Verband organisiert sind z. B. die Männerarbeit, die Frauenarbeit, die Jugendarbeit, die Sonntagsschularbeit, die Chorarbeit und die Bläserarbeit. Die Verbände sind dicht an den Menschen dran, agieren weitgehend eigenständig und entfalten zusätzlich zu kirchlichen Veranstaltungen viele Aktivitäten. In Deutschland bekannt ist die »Moravian Brass Band Union of South Africa«, die schon mehrmals mit einem Chor auf Konzertreise war. Es ist eine bleibende Herausforderung, Verbandsarbeit und kirchliche Arbeit beieinander zu halten.

Die Brüdergemeine in Südafrika gilt als Kirche der kleinen Leute: Einfaches Leben auf dem Lande in der Brüdergemeine Wittewater, Ostkap-Region

Ganz wichtig: Ökumene und Partnerschaft

Die Brüdergemeine in Südafrika ist Mitglied des Weltkirchenrates und des Südafrikanischen Kirchenrates. Daneben gehört sie den entsprechenden lutherischen Bünden an. Besonders eng sind ihre Kontakte zur »Evangelischen Mission in Solidarität« (EMS), die bis ins Jahr 1972 zurückreichen. Damals brachte die Europäisch-Festländische Brüder-Unität ihre Beziehungen zur Moravian Church in South Africa in die EMS ein. Bis heute kümmerst die EMS sich federführend um diese Beziehungen. Die Brüdergemeine in Deutschland wäre überfordert, wollte sie alle Kontakte allein pflegen. Mittlerweile ist die Brüdergemeine in Südafrika nicht nur Arbeitsgebiet der EMS, sondern in dessen Entscheidungen aktiv eingebunden. Viele evangelische Gemeinden bzw. Bläserchöre im südwestdeutschen Raum pflegen seit Jahrzehnten Direktpartnerschaften zu Gemeinden und Bläserchören der Moravian Church in South Africa. Eine Direktpartnerschaft besteht auch zwischen der Brüdergemeine Nordrhein-Westfalen und der Brüdergemeine Bethesda. Über ihre Beziehungen zur EMS war die Moravian Church in South Africa mehrfach in den »Nord-Süd-Austausch« sowie später in den »Süd-Süd-Austausch« eingebunden. Mitarbeitende aus Deutschland dienten für längere Zeit in Südafrika und umgekehrt. Einen von der EMS organisierten Austausch von Mitarbeitenden gab es auch zwischen Südafrika und Jamaica, Surinam, Ghana und Bali. Lebendige Beziehungen zwischen der Moravian Church in South Africa auf der einen und Gemeinden in Deutschland auf der anderen Seite sind in den vergangenen Jahren durch das Ökumenische Freiwilligenprogramm der EMS entstanden. Viele Dutzend Jugendliche aus Deutschland weilten über dieses Programm ein Jahr lang in Gemeinden und Einrichtungen der Brüdergemeine in Südafrika. Einigen Jugendlichen aus Südafrika war auch ein mehrmonatiger Aufenthalt in Deutschland möglich.

Soziale Einrichtungen, Schulen, wirtschaftliche Initiativen

Die Moravian Church in South Africa unterhält mehrere soziale Einrichtungen. Neben einigen Kindergärten sind das vor allem das »Elim-Home« und die benachbarte »Mispah-School«, ein Heim und eine Schule für Kinder mit mehrfacher Behinderung im Westkap, die »Sive-School«, eine Einrichtung für gehörlose Kinder und Jugendliche in Cedarville im Ostkap, sowie »Masangane«, ein ebenfalls im Ostkap angesiedeltes, sehr erfolgreiches HIV/Aids-Programm (Aufklärung; Betreuung und Behandlung; Waisenfürsorge). Nach wie vor ist Südafrika weltweit das Land mit den meisten HIV-Infizierten. In Kooperation mit anderen Organisationen kümmert die Brüdergemeine in Südafrika sich um Straßenkinder wie um die berufliche Förderung von Jugendlichen aus schwierigen Verhältnissen. Die Arbeit an den jetzt noch 15 Schulen geschieht gemäß der neuen Gesetze in enger Zusammenarbeit mit dem südafrikanischen Erziehungsministerium. In Heideveld (Bezirk von Kapstadt) besteht ein Theologisches Seminar. Darüber hinaus gibt es zwei kirchliche Hostels sowie regelmäßige Seminare zur Erwachsenenbildung. Obwohl die Brüdergemeine in Südafrika nur über geringe Einnahmen verfügt, ist sie reich an Grundbesitz. Es laufen derzeit Maßnahmen, diesen Grundbesitz besser zu verwalten. Dazu gehören die Gründung einer separaten Stiftung und einer Investment Holding. Auf dem Wupperthaler Grundbesitz der Brüdergemeine arbeitet auch die von Missionaren gegründete Schuhfabrik sowie die Kooperative »Red Cedar» die mit großem Erfolg aus der Rooibos-Pflanze verschiedene Tees und Kosmetika herstellt und exportiert.

Erneuerung

2004 startete die Kirchenleitung ein Programm zur geistlichen Erneuerung. Obwohl das Gemeindeleben rege und vor allem die Musik sehr lebendig ist, obwohl viele Versammlungen gut besucht sind und Traditionen hoch geschätzt werden, hat die Mitgliederzahl stark abgenommen. Das liegt einerseits an der Abwanderung der jungen Generation zu charismatischen Gemeinden, wo ihnen mehr Spontaneität begegnet und ihnen manchmal ein "Evangelium des Reichwerdens" verkündigt wird. Das liegt andererseits an der nicht optimal ausgebildeten Pfarrerschaft. Der Pfarrerberuf besitzt infolge geringer Bezahlung wenig Attraktivität. Das liegt drittens an den zum Teil riesigen Entfernungen zwischen den Gemeinden, die den kirchlichen Zusammenhalt bzw. die Herausbildung eines Gemeinschaftsgefühls erschweren, sowie an der großen sprachlich-kulturellen Vielfalt im Land. Dennoch gibt es Hoffnung, dass die Brüdergemeine in der Weise eines Senfkorns wirkt, aus dem ein großer Baum wird, der vielen Leuten Schatten spendet.