Politische Wirren und Bürgerkrieg

Die Brüdergemeine in Nikaragua hat in der Vergangenheit sehr unter politischen Wirren und Bürgerkrieg gelitten. Weil sie ein treuer Anwalt der indigenen Völker war, geriet sie in Konflikt mit der Zentralregierung in Managua, die sich kaum um die unterentwickelte, nicht spanischsprachige Region im Urwald und an der Atlantikküste kümmerte. Nach der Sandinistischen Revolution von 1979 wurden viele Mitarbeitende und Gemeindeglieder der Kollaboration mit den von den USA unterstützten »Contras« verdächtigt. Etwa 50 Pfarrer kamen nach Verhör und Folter jahrelang in Haft; viele andere flohen ins Ausland. Teilweise durch Kämpfe zwischen der sandinistischen Armee und den Truppen der »Contras« bzw. der indianischen Autonomiebewegung (MISURASATA / YAMATA), teilweise nach Zwangsräumungen wurden dutzende Dörfer samt Felder zerstört. In Schutt und Asche fielen auch das Krankenhaus, die Krankenpflegeschule und das »Instituto Biblico« in Bilwaskarma am Rio Coco. Trotz der erlittenen schweren Verluste vermittelte die Brüdergemeine erfolgreich bei den Verhandlungen zwischen den Kriegsparteien, die mit der politischen Integration der Opposition sowie mit einer Teilautonomie der Atlantikküsten-Region endeten. Nach Verabschiedung einer neuen Verfassung für Nikaragua 1987 durften die Flüchtlinge in ihre Heimat zurückkehren; Inhaftierte wurden amnestiert. Dennoch herrscht an der Atlantikküste weiter tiefes Misstrauen gegenüber der als repressiv empfundenen Politik der Zentralregierung im fernen Managua.

Kirchliches und gesellschaftliches Leben

In vielen Städten und Dörfern im Osten Nikaraguas ist die Brüdergemeine die maßgebliche Trägerin des kirchlichen Lebens. Allein in der Regionalhauptstadt Bilwi existieren 18 verschiedene Gemeinden. Die schlichten, oft hölzernen Kirchen sind zu Gottesdiensten und Amtshandlungen regelmäßig gut gefüllt. Das gilt vor allem für die Landgemeinden, wo sich sowohl die Alten als auch die Jungen zur Kirche halten. In der Jugendarbeit spielen der Kampf gegen HIV/Aids und die Warnung vor Drogen eine wichtige Rolle. Nach wie vor relativ streng gehandhabt wird die Kirchenzucht. Seit wenigen Jahren besitzen die Miskitos und die Mayangnas dank ausländischer Hilfe ein Gesangbuch und das Losungsbuch in ihrer jeweiligen Muttersprache. Die gewählten Kirchenältesten zählen in den Autonomie-Regionen am Atlantik meist zu den führenden Köpfen in der Kommunalpolitik. Kaum eine soziale, wirtschaftliche oder politische Frage wird ohne Abstimmung mit ihnen entschieden. Die Bürgermeisterin der 50.000-Einwohner-Stadt Bilwi gehört einer Miskito-Gemeinde an. Dennoch bereitet es den Verantwortlichen große Mühe, gegen die allgemeine gesellschaftliche Lethargie vorzugehen. In den Dörfern sind die Kirchen nach wie vor die einzigen Versammlungsorte. Deshalb finden hier auch kommunale und private Veranstaltungen statt. Das Armutsgefälle zwischen Stadt und Land ist gewaltig.

Bildung und Gesundheitswesen

Getreu den alten Prinzipien der Herrnhuter Mission kümmert die Brüdergemeine in Nikaragua sich nach Kräften um die Bildung und das Gesundheitswesen. Neben vielen Grundschulen gibt es einige weiterführende Schulen, zum Beispiel die »Comenius-High-School« in Bilwi und die »Moravian-High-School« in Bluefields. In Bilwi befindet sich auch das neue »Instituto Biblico«, das theologische Seminar der Brüdergemeine. Es organisiert zusammen mit ADSIM (siehe oben) regelmäßig Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen in einem weiten Umkreis. An den Programmen der Universität Bilwi ist die Brüdergemeine beteiligt. Unverzichtbar für das Gesundheitswesen im Osten Nicaraguas sind die zahlreichen kirchlichen Sozialstationen, wo Bedürftige Rat und Hilfe erfahren. In Bilwaskarma ganz im Norden am Rio Coco sowie in Bilwi gibt es zwei Kliniken der Brüdergemeine mit angeschlossener Krankenpflegeschule. Besonders die »Policlinica Morava en Bilwaskarma« ist für die medizinische Grundversorgung unverzichtbar.

Unterstützung aus Deutschland

In der Vergangenheit hat die Brüdergemeine in Nikaragua gelegentlich Unterstützung aus Deutschland für kleinere Projekte erhalten. Nach den Hurricans »Juana« (1988), »Mitch« (1998), »Beta« (2005) und vor allem »Felix« (2007) wurde auch in größerem Maße Not- bzw. Aufbauhilfe geleistet. Gegenwärtig beteiligt die Herrnhuter Missionshilfe sich am Wiederaufbau der Kirche in Sisin sowie an der Versorgung notleidender Mitarbeitender und deren Witwen. Aus Mitteln der Evangelischen Landeskirche in Württemberg wird seit vielen Jahren das Projekt »Ausbildungshilfe für Kinder von kirchlichen Mitarbeitenden« finanziert, das jetzt fast 200 Kindern zugute kommt. Unterstützung erfährt die Brüdergemeine in Nikaragua auch durch die einjährige Entsendung von Jugendlichen über das Freiwilligenprogramm der Evangelischen Landeskirche in Baden sowie durch gegenseitige Besuche.

Freiwilligeneinsatz in Nikaragua?
Jugendliche können über die Evangelische Landeskirche in Baden einen einjährigen Freiwilligeneinsatz bei der Brüdergemeine in Nikaragua absolvieren. Weitere Infos hier.